
Sieben Tage mit Eric
Klappentext:
Ein Mann wird nackt, blutend und ohne Erinnerung auf einem Zebrastreifen in Berlin aufgefunden. Während er in winzigsten Schritten versucht, wieder an seine Vergangenheit anzuknüpfen, wollen die Menschen aus seinem Leben ihn mit Hochgeschwindigkeit in sein altes Leben zurückbringen. Je mehr er die ihm völlig fremde Welt erkundet, desto tiefer wird er eingesogen in einen Wirbel von Macht, Geld, Emotionen und Gewalt. Als sich die Situation in jeder Beziehung zuspitzt, steht er vor der Entscheidung, ob er in diese Existenz zurückkehren kann und möchte. Schließlich geht es um nicht weniger als sein Leben.
Leseprobe 1
Das erste, was ich realisierte, waren die Blicke der Menschen, die mich anstarrten. Ich war … erschreckt. Bis ins Mark. Bestimmt 10 Augenpaare lagen auf mir und ich konnte mir das nicht erklären. Nicht, wer sie waren, nicht ihr Erstaunen, ihre Abscheu. Und auch nicht, wo ich mich befand. Aber je länger mein Bewusstsein – das vorher offensichtlich abgeschaltet war – arbeitete, desto schneller wurden meine Gedanken und mein Verstehen. Ich merkte aufgrund des Winkels zu den Fremden, dass ich seitlich zusammengedreht auf dem Boden lag. Er war hart und kalt und schnitt meine Haut auf. Das nächste, was auf mich eindrang, war der Lärm von Autoverkehr. Sehr laut, so sehr, dass es wehtat. Ich wollte mir die Hände auf die Ohren pressen, doch es ging nicht. Ich konnte die Arme zu meinem Gesicht heben, aber die Hände waren wie aneinandergeklebt. Ich senkte meinen Blick und erkannte etwas Silbernes. Um meine Handgelenke, verbunden mit einer kleinen Kette.
Handschellen!
Leseprobe 2
Vor mir erstreckte sich eine enorme Suite. Ich trat ein und schloss die Türe hinter mir und erkundete, was ich da angemietet hatte.
Mit der Schlüsselkarte in der Hand – ich wusste ja nicht, was ich noch alles aufschließen musste – ging ich durch die Räume. Schlaf- und Wohnzimmer waren voneinander getrennt, ein Büro war eingerichtet, ein Steinway-Flügel stand für die private Nutzung bereit und ein immens großes Bad stand mir zur Verfügung. Meine erste Schätzung ergab, dass ich eine Suite von ca. 180 qm gemietet hatte. Das war ungefähr dreimal größer als die durchschnittliche Wohnung einer Mittelklassefamilie in Deutschland. Mit leicht weichen Knien ließ ich mich auf der Chaiselongue nieder und schaute mich um. Das war dann doch schon mehr, als ich erwartet hatte. Jetzt brauchte ich etwas zur Stärkung. Ich fand die Minibar und darin einen fantastischen Champagner und einige Petit Four, die mich über die nächsten Stunden bringen sollten. Mit dem Champagnerglas in der Hand ging ich weiter und machte mich auf die Suche nach meinen persönlichen Dingen. Ich entdeckte einen Koffer und einen Kleidersack. Offensichtlich achtete ich penibel auf mein Erscheinungsbild und mochte keine geknitterten Hemden. Die fielen mir auch schnell in die Finger: Sieben weiße gleichartige Hemden, dazu sieben schwarze, elegante einheitliche Anzüge. Schließlich sieben schmale anthrazitfarbene Krawatten. Und das, wo ich nur sechs Tage in Berlin bleiben wollte. Es ließ sich nicht von der Hand weisen: Ich war ein Perfektionist, vorsichtig, vorausdenkend. Und langweilig. In meinem Besitz fand sich nichts Exaltiertes: Kein buntes T-Shirt, kein aufwendiger Schmuck. Nichts. Noch einmal kontrollierte ich die Anzüge: Daran befand sich keine Flusel, kein Tierhaar, kein langes Frauenhaar – erst recht kein blondes. Als seien sie gerade erst geliefert worden.
Auch zwei Schwimmanzüge fand ich, ebenfalls schwarz – offensichtlich meine Lieblingsfarbe – und dazu Badeschuhe. Badeschuhe und Ganzkörper-Schwimmanzüge? Für einen Hotelpool? Am Strand wäre das okay gewesen. Aber hier? Dann wurde mir klar, dass beides die Narben und Verletzungen auf meinem Körper verbergen sollten. War alles in meinem Leben darauf ausgerichtet gewesen, einen Schein aufrechtzuerhalten? Ein Trugbild, das mein wahres Ich der Öffentlichkeit vorenthalten sollte?
Wahrscheinlich ahnte ich es zu diesem Zeitpunkt schon, aber etliche Puzzleteile fielen erst an die richtigen Stellen, als ich den Safe fand. Auch er ließ sich mit der Schlüsselkarte öffnen und ich zog zwei Dinge heraus, die elementare Bedeutung für mein Leben gehabt haben mussten: Ein Notebook – teuer, aber mit etlichen Schrammen verunstaltet – und eine halbautomatische Waffe. Auch sie war nicht neu. Ihr Zustand – die offenkundigen Gebrauchsspuren – bestürzten mich mehr als alles andere.
Ich nahm beides aus dem Safe, legte es vorsichtig und bedacht vor mich auf den schwarz lackierten Wohnzimmertisch, der von weißen schweren Polstermöbeln umgeben war. Schwarz auf schwarz. Beinahe verschwanden Notebook und Waffe auf dem Tisch, verschmolz mit ihm. Und hatten dennoch genug Masse, um selbst zu bestehen. Ich setzte mich auf die Kante des wuchtigen Sofas, starrte die beiden Dinge vor mir an und rührte keines an.
Leseprobe 3
Ich kniete auf dem Platz, erkannte in Millisekunden, dass ich links hinter den Säcken wieder Schutz suchen sollte, bis die Schießerei vorbei war, als es geschah. Ein Schmerz fuhr mir in die rechte Schläfe, dass ich aufschrie. Ich dachte zuerst, dass ich getroffen war, doch obwohl ich mir sofort an den Kopf griff, fühlte ich kein Blut. Aber der Schmerz war da, er steigerte sich ins Unerträgliche, erfasste mein Gehirn, meine Augen, meinen gesamten Körper. Ich merkte, wie ich mich kniend nach vorne krümmte, dass der Schmerz meine Glieder zusammenzog, bis ich glaubte, alles in mir würde zerbersten. Ich schrie. Ich weiß, dass ich schrie, denn ich konnte meine Stimme hören über die Schüsse, die Explosionen und das Wehklagend der Sterbenden hinweg. Ich schrie voller Schmerzen, die nichts mit dem Angriff zu tun hatten.
Und dann sah ich es! In einer Übelkeit erregenden Geschwindigkeit schoss mein Leben vor meinen Augen vorüber. Ein Wirbel von Farben, Geschmäckern, Bildern und Tönen überflutete meinen Körper, füllte jede Faser mit Erinnerungen, mit Gefühlen und Erfahrungen, dass ich zu platzen drohte. Immer wieder sah ich Menschen vor mir auftauchen, deren Namen sich in mein Gehirn einbrannten, ihre Bedeutung und ihre Stellung. Ich sah Orte, Ereignisse, Szenen. Und immer wieder sah ich Waffen, Waffen und noch mehr Waffen, Prügeleien, Gewalt und Zerstörung. Mit Sicherheit war ich in diesem Moment nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, doch irgendwo tief in mir drin meldete sich die Erkenntnis, dass man im Augenblick seines Todes das ganze Leben noch einmal erlebt. Ich war fest davon überzeugt, getroffen zu sein und zu sterben. Eine unendliche Trauer breitete sich in mir aus, Enttäuschung darüber, dass es nun vorbei war. Alles, was ich noch machen wollte, was ich erleben und erfahren wollte, war hinfällig, hatte sich erledigt. Nichts gab es mehr, was ich tun konnte mit meiner zurückerlangten Vergangenheit, denn nun hatte ich meine Zukunft verloren. Diese schicksalhafte Ungerechtigkeit tat weh und ich war beinahe froh, dass ich noch immer aus Leibeskräften vor Schmerzen schrie, denn so baute sich wenigstens ein bisschen von dem Druck ab, der auf mir zu lasten schien.
Dann wurde es endlich gnädig schwarz.